© 2013 Lazarus

Du brauchst keine neue Kamera!

Nach einer viel zu langen arbeitsbedingten Pause gönne ich mir hier einen Artikel, der mir schon seit Wochen in den Fingern kribbelt: ein paar Worte zu den tollen Kameras, die unsereiner braucht um diese tollen Fotos überhaupt machen zu können: Bei so gut wie jeder Veranstaltung (Konzert, Abschlussball, Workshop…) passiert es eher früher als später, dass ein technikbegeisterter Mensch mich auf die Kameras anspricht, die ich mit mir herumschleppe. In 99,999% der Gespräche geht es darum, dass ich das mit den Fotos nur deshalb so hinkriege, weil ich ja die teuren Kamerabodys besitze und das er (es ist meistens ein er) sich jetzt demnächst einen neuen Body kaufen will, damit er auch so tolle Fotos machen kann. Ich glaube, das habe ich hier schon Mal augenrollend erwähnt.

Ich hatte bei dem Titelbild des Beitrags schlichtweg vergessen, die Kamera richtig einzustellen. (Ja, auch ich bin nicht unfehlbar – verratet das aber bitte nicht weiter!) Aus einer Laune heraus habe ich in der Nachbearbeitung die Belichtung hochgezogen um herauszufinden, was da wie noch geht. Ich war überrascht, wie viel da noch drin war! 5 Blenden musste ich das Bild aufhellen und auch in der 100% Ansicht war das Bild (technisch) durchaus noch brauchbar. Als ich meiner Begeisterung öffentlich Ausdruck verlieh, bat man mich darum, das Bild zu zeigen und die nachfolgende Diskussion hat mich dazu gebracht, diesen Artikel zu schreiben.

Technische Anmerkung: Das Aufhellen um 5 Blenden entspricht einer Verzweiunddreißigfachung (in Zahlen: x32) der Lichtempfindlichkeit!

In diesem Fall war es tatsächlich so, dass der Body (besser: der Bildsensor) ein Foto überhaupt erst möglich gemacht hat. (Fürs Protokoll: Selbstverständlich habe ich das Gruppenfoto mit sinnvollen Einstellungen noch mal aufgenommen.) In der Praxis und unter weniger kritischen Bedingungen sollte aber der Body keinen allzu großen Einfluss auf das Ergebnis haben. Das habe ich immer laut vertreten und jetzt möchte ich den Beweis antreten.

NIKON CORPORATION NIKON D800 -  24.0-70.0 mm f-2.8(50 mm) -ISO 200 gut

Betreibt man seine Kamera in halbwegs vernünftigen Lichtempfindlichkeitsbereichen und schafft es, sein Foto halbwegs korrekt zu belichten, ist der Unterschied zwischen verschiedenen Bodys Makulatur. Das Bild oben wurde mit einer D800 aufgenommen, die unterhalb dieses Absatzes mit (v.l.n.r) einer D700, D200 und einer Olympus Pen E-PL1. Jedes dieser Bilder ist (künstlerische Aspekte außen vor lassend) vollkommen in Ordnung.

Nikon D700 Nikon D200 Olympus Pen E-PL1
Nikon D700
Nikon D200
Olympus Pen E-PL1

Bei diesen Bildern habe ich eine ganz leichte Basisretusche an den Rohdaten vorgenommen und den Bildausschnitt angepasst. Die Einstellungen der Kameras sind nahezu gleich: ISO200, Blende 13. Es gibt durchaus kleine Abweichungen in den Bildern, sie sind nicht vollkommen identisch. Das jetzt zu behandeln würde vom Hölzchen zum Stöckchen führen. Ein paar Worte dazu und ein paar technische Erläuterungen gibt es am Ende des Artikels.

Machen wir uns nichts vor: die drei Fotos sind alle technisch in Ordnung und würde man sie ohne Vorwissen und einzeln auf gleicher Größe betrachten, wäre es echt schwer, herauszufinden, wie teuer der Body war, mit dem sie aufgenommen wurden.

Eigentlich wäre ich hier fertig… aber da ist dieser unbezwingbare Spieltrieb.

Um zu sehen, was die Sensoren wirklich können, habe ich Leistung des Studioblitzes heruntergeregelt und so – bei gleichen Kameraeinstellungen – eine Reihe gnadenlos unterbelichteter Bilder aufgenommen.

Nikon D200, ISO200, gnadenlos unterbelichtet

In groß das Bild aus der D200, darunter D700, Olympus E-PL1 und D800, alle komplett unbearbeitet.

Nikon D700 Olympus Pen E-PL1 Nikon D800
Nikon D700
Olympus Pen E-PL1
Nikon D800

Auch das ist auf den ersten Blick alles gleichermaßen duster. Wenn man sich aber die Rohdaten nimmt und versucht, das Bild irgendwie zu retten, zeigen sich die Unterschiede zwischen den verschiedenen Bildsensoren.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Das Bild aus der kleinen Olympus zeigt bei einer Aufhellung um 3,6 Blenden deutliches Bildrauschen und wird ziemlich matschig. Auch die D200 stößt sichtbar an ihre Grenzen. Die beiden vollformat Sensoren liefern immer noch ein durchaus sehr brauchbares Ergebnis.

NIKON CORPORATION NIKON D200 -  17.0-55.0 mm f-2.8(32 mm) -ISO 200 schlecht mit Korrektur NIKON CORPORATION NIKON D700 -  24.0-70.0 mm f-2.8(48 mm) -ISO 200 schlecht mit Korrektur NIKON CORPORATION NIKON D800 -  24.0-70.0 mm f-2.8(50 mm) -ISO 200 schlecht mit Korrektur
Nikon D200
Nikon D700
Nikon D800

 

Fazit

Bei anständigen Bedingungen liefert jede halbwegs moderne Kamera ein gutes Foto. Im Alltag, im Urlaub oder im Studio gibt es im Bildergebnis keinen relevanten Unterschied. Die tollen Sensoren sind immer dann nützlich (unerlässlich!), wenn die Lichtsituation unangenehm ist. Ich bin nach wie vor felsenfest davon überzeugt, dass 99% der Leute, die mir erzählen, sie bräuchten unbedingt eine tollere Kamera um bessere Bilder zu machen, mit der Kamera, die sie haben nicht umgehen können.

 

Technische Anmerkungen und Diskussion

Es ist offensichtlich, dass die vier Kameras nicht wirklich repräsentativ sind. Leider habe ich gerade keine anderen Kameras da. Ich denke, am Ergebnis ändert die Auswahl meiner Beispielgeräte wenig. Aus der Praxis: Das, was die Teilnehmer meiner Workshops mit den unterschiedlichsten Bodys zustande bringen, ist in qualitativ-technischer Hinsicht doch immer sehr, sehr ähnlich, egal wie teuer der Body war.

Offensichtlich ist auch, dass die verschiedenen Sensoren durchaus unterschiedliche Ergebnisse abliefern. Allein die Farbwiedergabe und die Farbtemperatur der einzelnen Modelle unterscheidet sich sehr deutlich. Ich habe das in den Beispielbildern mit Augenmaß und Handgewicht ein wenig angeglichen aber auf den Versuch verzichtet, farbidentische Bilder zustande zu bekommen. Der Punkt wird – denke ich – auch so klar: jedes gut belichtete Foto ist verwendbar.

Selbstverständlich gibt es im Detail massive Unterschiede zwischen den 10 Megapixeln der D200 am unteren und den absurden 36 Megapixeln der D800 am oberen Ende: In den 36 MP stecken deutlich mehr Details, ich kann das Bild ohne Probleme übelst beschneiden, …der Sensor der D800 ist dem der D200 in jeder Hinsicht überlegen – aber das ist nicht der Punkt. Wenn ich es schaffe, ein ordentliches Bild (ohne zu viel zu beschneiden etc.) aus beiden Kameras herauszubekommen und dieses Bild in einer vernünftigen Größe betrachte (oder ausbelichte), ist der Unterschied nicht wahrnehmbar.

Es ist so, dass die teuren (semi-)professionellen Bodys einiges mehr leisten, als die kleineren Modelle. Es ist so, dass die Entwicklung nicht stehen bleibt und die moderneren Sensoren ihren Vorgängern (teilweise sehr deutlich) überlegen sind. (Über die mittelgroßen Wunder, die der Autofokus meiner D800 gestern Abend im dunklen Tanzsaal vollbracht hat, will ich gar nicht erst reden…) Keine Frage, kein Widerspruch. Die Entwicklung ist aber meiner Meinung nach so weit fortgeschritten, dass dieser Unterschied für den normalsterblichen irrelevant geworden ist.

Auf die Gefahr hin, als arrogant missverstanden zu werden wiederhole ich mich: Wer glaubt, eine neue Kamera zu brauchen um bessere Bilder zu machen, irrt.

 

EXIFs des Titelbildes:
Kamera: NIKON D800
Lens: Nikon AF-S Zoom-Nikkor 24-70mm f/2.8
Brennweite: 28mm
Verschlusszeit: 1/80s
Blende: ƒ/6.3
ISO: 50

One Comment

  1. Marc
    Posted 7. Dezember 2013 at 02:18 | #

    Sehr interessanter Artikel! Hat Spaß gemacht zu lesen!

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